(geschichte.transnational): 4 Promotionsstip. “Arbeit in der sich globalisierenden Welt” (Friedrich-Ebert-Stiftung)

August 14th, 2012 | von Andreas C. Hofmann |

Johannes Platz
Institution: Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn
Datum: 01.11.2012-31.10.2014
Bewerbungsschluss: 22.08.2012

Arbeit in der sich globalisierenden Welt, 1880 bis heute. Historischer Wandel und gegenwärtige Effekte in Europa

Aus historischer Sicht hat der Wandel der Arbeitswelten in den postindustriellen (de-industrialisierten) Gesellschaften Europas weitreichende Konsequenzen für die Verfasstheit, das Verständnis und die Einschätzung des Verhältnisses von Arbeit, Arbeitern und Arbeiterbewegung. Arbeitswelten umfassen die Arbeits- und industriellen Beziehungen. Eine Neuorientierung der Arbeitergeschichte setzte in den 1980er Jahren ein und beschleunigte sich am Beginn des 21. Jahrhunderts. Die neuen wissenschaftlichen Vorzeichen stellten die "scheinbare Eindeutigkeit" und die Tragfähigkeit der aus der europäischen Hochindustrialisierung stammenden Begriffe und Konzepte in Frage, die sich angesichts der "postmodernen Unübersichtlichkeit" von Arbeitsverhältnissen als Fesseln erweisen. Dies schließt einen veränderten Arbeiterbewegungsbegriff ein, der soziale Beziehungen im Betrieb als sozialen und politischen Ort besonders berücksichtigt.[1] Arbeitswelten haben durch den Einzug neuer Experten, durch Professionalisierung und Verwissenschaftlichung eine Veränderung erfahren.[2]

Vor dem Hintergrund eines erweiterten Arbeitsbegriffs, der sich seit den 1980er-Jahren entwickelt hat und zusehends auch in der historischen Forschung angekommen ist, und mit Blick auf eine stärker betonte Ökonomie des Globalen werden bei neueren Untersuchungen vor allem Leistung, Qualifizierung, Vermarktlichung, Entgrenzung und die "Öffnung" hierarchisch strukturierter Arbeitsorganisation als Indikatoren einschneidender Veränderungen erkannt. [3] Als Folge von Globalisierung werden eine fortschreitende Polarisierung auch innerhalb der postindustriellen Gesellschaften und eine Ausdifferenzierung von Formen abhängiger Arbeit ausgemacht oder sogar der Untergang der Arbeitsgesellschaften prognostiziert.[4] In der neueren historischen Forschung richtet sich der Blick verstärkt auch auf globale Zusammenhänge, die "Gender"-Perspektive, und wagt den "langen" Blick.[5]

Bei diesen zeitgeschichtlichen Diagnosen stehen bislang der Begriff, das Verständnis und die Einschätzung der Arbeit im Vordergrund, jedoch weniger ihre Praxis:
Dabei bieten Erfahrungen der Moderne, wie sie sich seit den Hochphasen von Kolonialisierung und Industrialisierung entwickelten und in der heutigen Globalisierung verstärken, der historischen Forschung neue Perspektiven, Arbeitswirklichkeiten zu rekonstruieren. Neben interdisziplinären und transnationalen Vergleichsebenen bietet die sozial- und wirtschaftsgeschichtlich weit ausgeleuchtete Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts Raum, Gegen- und Vergleichsbilder zu identifizieren. [6] Im Zentrum stehen die Fragen: Was ist am gegenwärtigen Umbruch der Arbeitswelten im Vergleich zum System der Arbeit, wie es sich in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelt hat, spezifisch? Welche Aus- und Langzeitwirkungen haben globale wirtschaftliche, kulturelle und mediale Vernetzungen auf die kulturellen Ausprägungen, die Sozialstruktur, die Politiken und die Semantiken der europäischen Arbeitsgesellschaften?

Die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS) möchten Forschungen zu diesen Fragestellungen besonders stärken.

Unser Interesse zielt auf Studien, den (nicht-) arbeitenden Menschen und die Veränderung seiner sozialen und gesellschaftlichen Position in den Blick nehmen, als auch der Entwicklung moderner europäischer Arbeitsgesellschaften insgesamt nachgehen.

Folgende Aspekte wären in den Studien von besonderer Relevanz:
- Die Auswirkungen, Rhythmen und Reichweiten der internationalen Arbeitsteilung, der globalen Finanzströme, von Konjunkturzyklen, der medialen Vernetzung der Welt, der Informatisierung oder des grenzüberschreitenden Wissens- und Kulturtransfers auf den Wandel der Arbeitswelten in Europa.
- Die Geschichte der Leistung, Qualifizierung, Flexibilisierung, Subjektivierung und weitere Indikatoren des Werte- und Formenwandels der Arbeit und der Arbeitsorganisation.
- Männer- und Frauenarbeitswelten unter den Vorzeichen von Mobilität, Migration oder Tertiarisierung und den diesen Themenfeldern inhärenten Problemen von Arbeit und Geschlechterbeziehungen.
- Periodisierung der Arbeitsgeschichte und der sektorale Wandel, wie zum Beispiel der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft.
- Das Verhältnis von Arbeit(szeit) und Freizeit im Hinblick auf gesellschaftlichen Werte- und Einstellungswandel und deren Auswirkungen auf die Arbeitswelten.
- Prozesse und Auswirkungen von Deindustrialisierung, sektoralem Wandel und Arbeitsmigration in Europa in der Langzeitperspektive.
- Die Frage nach Netzwerken und Interaktionsräumen der Arbeitswelten über Staat- und Landesgrenzen hinaus; gemeint sind zum Beispiel Möglichkeiten und Grenzen transnationaler Arbeitsbeziehungen und Arbeitspolitiken oder Prozesse gesellschaftlicher und politischer Solidarisierung bzw. Entsolidarisierung durch Effekte einer globalisierten Wirtschaft.

Das Doktorandenprogramm "Arbeit in der sich globalisierenden Welt, 1880 bis heute. Historischer Wandel und gegenwärtige Effekte" wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstützt und ist an die Bielefeld Graduate School in History and Sociology angebunden, unter deren Dach die strukturierten Promotionsstudiengänge in der Geschichte und in der Soziologie angesiedelt sind. Die Arbeiten werden am Lehrstuhl für die Geschichte moderner Gesellschaften an der Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie von Prof. Dr. Thomas Welskopp betreut.

Die Stipendienhöhe beträgt 1050 € zuüglich einer monatlichen Forschungskostenpauschale von 100 €.

Bitte richten Sie Ihre Bewerbung bis zum 22.08.2012 online an die Abteilung Studienförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), Godesberger Allee 149, 53175 unter dem Stichwort "Doktorandenprogramm Arbeit und Globalisierung".

Die Bewerbung sollte nach den Formalia, Kriterien und Anforderungen der Studienförderung der FES erfolgen. Näheres erfahren sie unter: www.fes.de/studienfoerderung

[1] Josef Ehmer/Helga Grebing/Peter Gutschner, Einige Überlegungen zu Aspekten einer globalen Geschichte der Arbeit, in: Dies. (Hg), "Arbeit": Geschichte – Gegenwart – Zukunft, Leipzig 2002, S. 9-18, hier S. 13 ff. Vgl. auch Marcel van der Linden, Workers of the World, Essays toward a Global Labor History, Leiden 2008; Thomas Welskopp: Der Betrieb als soziales Handlungsfeld. Neuere Forschungen zur Industrie- und Arbeitergeschichte, in GG 22,1996, S. 118-142.
[2] Lutz Raphael: Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: GG 22, 1996, S. 165-193.
[3] Marcel van der Linden/Christoph Lieber (Hg.), Kontroversen über den Zustand der Welt, Weltmarkt – Arbeitsformen – Hegemoniezyklen, Hamburg 2007. Luc Boltanski und Eve Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz 2003.
[4] Vgl. Christoph Lieber, Die "Ware Arbeitskraft" als soziales Entwicklungsverhältnis. Krisen und Perspektiven der Lohnarbeit, in: Marcel van der Linden/Christoph Lieber (Hg.), Kontroversen über den Zustand der Welt S. 152-172, hier 152f. und Gero Jenner, Die arbeitslose Gesellschaft. Gefährdet Globalisierung den Wohlstand? Frankfurt am Main 1999, S.10 ff. Karl-Heinz Roth, Der Zustand der Welt, Gegen-Perspektiven, Hamburg 2005, S. 58; Pierre Defraigne, Globalisation, the European social model and international regulation, in: Jürgen Hoffmann, The Solidarity Dilemma, Globalisation, Europeanisation and the Trade Unions, Brussel 2002, S. 7-27; zur Kontroverse um den Begriff Globalisierung vgl. Jürgen Osterhammel/Niels P. Peterson, Geschichte der Globalisierung, München 2003, S. 7-15 und Gerhard Schulz, Geschichte im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 2004, S. 1-10.
[5] Vgl. von der Linden, Workers; Karin Hausen, Frauenerwerbstätigkeit und erwerbstätige Frauen. Anmerkungen zur historischen Forschung, in: Gunilla-Friederike Budde (Hg.), Frauen arbeiten. Weibliche Erwerbstätigkeit in Ost- und Westdeutschland, Göttingen 1997, S. 19-45; Michael S. Aßländer, Von der vita activa zur industriellen Wertschöpfung. Eine Sozial- und Wirtschaftsgeschichte menschlicher Arbeit, Marburg 2005.
[6] Jürgen Kocka, Arbeit früher – heute – morgen: Zur Neuartigkeit der Gegenwart, in: Ders./Claus Offe (Hg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt am Main 2000, S. 476-492, hier S. 476 ff. Vgl. auch Michael S. Aßländer, Von der vita activa zur industriellen Wertschöpfung. Eine Sozial- und Wirtschaftsgeschichte menschlicher Arbeit, Marburg 2005, S. 233 ff.

Kontakt:
Ihre Ansprechpartner in der FES sind Dr. des. Johannes Platz, Referat Public History, Johannes.Platz@fes.de
Dr. Ursula Bitzegeio, Abteilung Studienförderung, Ursula.Bitzegeio@fes.de

Von Seiten der Universität Bielefeld und der BGHS sind dies die geschäftsführenden Koodinatorinnen Dr. Alexandra Heßling und Dr. Karen Holtmann, bghs@uni-bielefeld.de.

URL: http://www.fes.de/studienfoerderung
Zielgruppe: Graduierte
Land: Germany
Sprache: German, English
Klassifikation: Regionaler Schwerpunkt: Regional übergreifend
Epochale Zuordnung: 20. Jahrhundert, 1914-1918, 1918-1933, 1933-1945, Zeitgeschichte (1945-), 1945-1989
Thematischer Schwerpunkt: Sozialgeschichte und -wissenschaften, Arbeitergeschichte, Bevölkerungs- und Migrationsgeschichte, Frauen-, Männer- und Geschlechtergeschichte, Freizeit- und Sportgeschichte, Geschichte der Arbeit und Arbeitsbeziehungen, Agrargeschichte, Industriegeschichte, Konsumgeschichte, Technikgeschichte, Unternehmensgeschichte, Wissenschaftsgeschichte
URL zur Zitation dieses Beitrages: http://geschichte-transnational.clio-online.net/chancen/id=7214&type=stipendien

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