#lis Was heißt und zu welchem Ende studiert man Bibliotheks- und Informationswissenschaft?

October 13th, 2019 | von Andreas C. Hofmann |

0. „Bis alle seine Begriffe zu einem harmonischen Ganzen sich geordnet haben.“

Es ist gewagt, den Titel einer Studienaufgabe an Friedrich Schillers Antrittsvorlesung an der Universität Jena vom 26. Mai 1789 zu orientieren.[1] Haben diesen Versuch doch für ihre jeweiligen Fächer schon zahlreiche Autoren unternommen, die sich höherer akademischer Würden erfreuten.[2] Schiller attackiert in seiner Antrittsrede die „Brodgelehrten“, die in den Grenzen ihrer Fächer gefangen seien und nur an den eigenen Lebensunterhalt dächten. Dagegen würde der „philosophische Kopf“ interdisziplinär agieren und hätte sein Leben nur der Wissenschaft verschrieben. In zugespitzter Form beschreibt Schiller bis heute aktuelle Herausforderungen des Wissenschaftsbetriebes.[3] Seine methodische Ausdifferenzierung der Weltgeschichte und der Universalgeschichte zeigt außerdem die Transformation einzelner Disziplinen auf.[4]

1. ‚Was heißt Bibliotheks- und Informationswissenschaft‘?

a) Synchrone Betrachtung

Bibliotheks- und Informationswissenschaft sind zwei Disziplinen, die wegen ihrer Überschneidungen und fachlichen Nähe in der akademischen Welt meist eine Einheit bilden.[5] Bibliothekswissenschaft enthält mit betriebs- und verwaltungswirtschaftlichen Schwerpunkten Bereiche, die nicht der Informationswissenschaft zuzuordnen sind. Umgekehrt beinhaltet die Informationswissenschaft Schnittmengen zur Archivwissenschaft, die keinen Bezug zur Bibliothekswissenschaft haben. Gebiete wie Mensch-Maschine-Interaktion sind sui generis informationswissenschaftlich. Einen weiteren Aspekt stellt die Überschneidung zur Informationstechnologie dar.

b) Diachrone Betrachtung

Nach Michael Seadle gibt es drei Transformationsschritte des Bibliothekswesens in der Nachkriegszeit (eigene Übersetzung, Paraphrase und Datierung).[6] 1. Elektronische Datenverarbeitung in den 1970er Jahren; 2. Elektronische Bibliothekskataloge in den 1980er Jahren; 3. Elektronische Inhaltsbereitstellung in den 2000er Jahren. Als vierter Transformationsschritt zeichnet sich aktuell die ‚intelligente‘ oder automatische Informationsverarbeitung ab. Diese Entwicklungen bewirkten auch eine Zunahme der genuin informationswissenschaftlichen und der informationstechnologischen Inhalte im Profil der Bibliotheks- und Informationswissenschaft.

3. ‚Zu welchem Ende studiert man Bibliotheks- und Informationswissenschaft‘?

Ein Studium der Bibliotheks- und Informationswissenschaften ist eine Synthese der Schiller’schen Dichotomie. Wir werden zu „Brodgelehrten“ ausgebildet, die durch Kenntnisse in Management und Recht eine Informationseinrichtung gewinnbringend leiten können. Wir sind aber auch die „philosophischen Köpfe“, die vernetzt denken müssen und die Information ihrer selbst willen zum Inhalt des Berufslebens erklärt haben. ‚Professionals, not clerks!‘[7] Wir verwalten nicht nur Informationen, sondern wir gestalten sie für unsere Rezipienten so lange, „bis alle [ihre] Begriffe zu einem harmonischen Ganzen sich geordnet haben.“[8]

4. What is LIS?

Library and Information Science ist ein universitäres Curriculum, das neben Bibliotheks- und Informationswissenschaften mit fortschreitender Digitalisierung auch immer mehr informationstechnologische Schwerpunkte bietet. Die genaue Definition der Inhalte variiert darüber hinaus von Land zu Land.

[1] Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? (Antrittsvorlesung in Jena, 26. 5. 1789). Jena 1789.

[2] e.g. Hans-Michael Körner: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universitätsgeschichte? Ein zweites Geleitwort, in: Laetitia Boehm / Gerhard Tausche (Hrsg.): Vorlesungen zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität 1800-1826 in Landshut, Berlin 2003, S. 14ff.; Reto Sorg et. al. (Hrsg.): Was heißt und zu welchem Ende studiert man Literaturwissenschaft? Festschrift für Stefan Bodo Würffel zum 65. Geburtstag, Paderborn 2009.

[3] Andreas C. Hofmann: Zwischen Ökonomisierung und Profilbildung. Deutsche Hochschulen im Umbruch, in: Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte (Dezember 2009), S. 58-60; Helmut G. Walther: Der Brotgelehrte im Bologna-Prozess. Prof. Walther über die Aktualität von Schillers Gelehrteneinteilung in: Uni-Journal Jena Son-derausg. (2005): Friedrich Schiller. Spuren in Jena, hrsg. v. Rektor der Friedrich-Schiller-Universität Jena, epubl. www4.uni-jena.de/Sonderausgabe_Schiller_Position.html.

[4] Temilo van Zantwijk: Schillers Antrittsvorlesung. Das Problem der Universalgeschichte, in: Uni-Journal Jena Sonderausg. (2005): Friedrich Schiller. Spuren in Jena, hrsg. v. Rektor der Friedrich-Schiller-Universität Jena, epubl. www4.uni-jena.de/Sonderausgabe_Schiller_AV.html.

[5] Vergleichbare Beispiele aus der Fakultät meines Erststudiums sind die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte oder die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik.

[6] Michael Seadle: The Work that Vanished – Inaugural Lecture on 28th October 2008, in: LIBREAS. Library Ideas 14 (2009), S. 38-43.

[7] Adaption von Seadle 2009, S. 41.

[8] Schiller 1789, S. 111.

Humboldt-Univ. Berlin, Stud.aufg. aus dem Jahre 2019

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